NORWEGEN | Sunnmøre

NORWEGEN | Sunnmøre Alps
Unterwegs im Fjordland zwischen Wasser und Bergen

Wie schon vor zwei Jahren zieht es uns wieder in den hohen Norden. Dieses Mal bilden die Fjorde südlich von Ålesund unser Ziel. Tafelberge zwischen vom Gletscher geformten Trogtälern, tief eingeschnittene Fjorde unter schroff aufragenden Felsgipfeln, die zum Teil wie der Middagsnibba einer Haifischflosse ähnlich in den Himmel deuten. Die Sunnmøre Alps rund um die beiden Halbinseln Kolå und Råna sind ein unglaublich vielfältiges Skitourengebiet, das in einer Woche wohl kaum entdeckt werden kann, bestenfalls kann man ein bisschen an der (pulvrigen) Oberfläche kratzen und sich einen kleinen Überblick verschaffen. Einen ersten Eindruck erhält man bei gutem Wetter bereits beim Anflug auf den Lufthavn Ålesund, von wo aus man auf guter Strasse und schliesslich mit einer der Fähren die eigentlichen Sunnmøre Alps erreicht.


Anders als in Lyngen vor zwei Jahren liegt die Schneegrenze in den Sunnmøre Alps in diesem Jahr mit gut dreihundert Metern Meereshöhe deutlich höher. Das ist aber kein Problem, weil es auf dieser Höhe einige Pässe gibt die auch im Winter offen und befahrbar sind. Für den Tourengeher ist alles dabei: Gemütliche Powdertouren, schroffe Gipfel mit alpinem Schlussspurt, steile Flanken mit Tiefblicken zum Fjord und auch wenn in diesem Jahr wenig Schnee liegt, ist dieser dafür immer von guter Qualität.

Anflug auf den Ålesund Lufthavn. In der Bildmitte ist Ålesund zu sehen
Blick vom Kolåstinden. Am Horizont ist das Meer zu sehen.
Die Tour auf den Auskjeret führt anfangs durch ein lichtes Birkenwäldchen
Gipfelfreude am Kvitegga, im Hintergrund der Geirangerfjord
Ålesund

Fischen im Fjord
I gea jetz an Fisch ausser tean dass es die Lott lei so biag

Gleich vorweg, an den reichen Fischgründen der norwegischen Fjords wird unser Angel- und Skitourenurlaub trotz grosser Sprüche ohne grosses Aufsehen vorüberziehen. Wir versuchen uns anfangs an den Felsen unterhalb unseres Hauses, wo die Fische laut unserem Vermieter immer beissen. Wir müssen uns leider eines besseren belehren lassen und so gibt es am ersten Abend keinen Chili con Carne anstelle Fischfilets. Erst am dritten Tag hat Stephan Erfolg und zieht fünf ordentliche Seelachse aus dem Wasser, während der Rest unserer Gruppe in der Nähe von Stranda den frischen Pulver durchpflügt und nachdem wir bereits die erste Angel zerlegt haben.
Am vorletzten Tag schliesslich machen wir in Indre Standal, etwas südlich von unserer Unterkunft einen letzten Versuch. Das Wetter ist uns zu schlecht zum Skitouren also fahren wir an die Fähranlegestelle und werfen dort alle Angeln aus die wir haben. Hannes schwört auf seine Möhrchen, orangefarbene Köder die meiner Skikleidung durchaus Konkurrenz machen und mi bald einen neuen Übernamen einbringen. Er hat auch gleich Glück und zieht nach wenigen Minuten einen stattlichen Seelachs aus dem Wasser, der aber kurz darauf von Isa's Fang in den Schatten gestellt wird. Bei den norwegischen Studentinnen die auf die Fähre wartend mit uns plaudern macht aber die "Flundra" am meisten Eindruck, worüber sich Hannes natürlich heute noch freut. Babs, Stephan und ich haben zwar viel Ausdauer, aber leider kein Glück und versenken nur ein paar Köder.

Glück oder Können? In jedem Fall ist Ausdauer gefragt

Trandal
Fähren im Fjordland

Von Indre Standal aus nehmen wir die Nachmittagsfähre nach Trandal, wir wollen dem Restaurant Christian Gaard einen Besuch abstatten. Dort angekommen ist die Wirtin überrascht über den Besuch, bringt uns aber gleich etwas zu trinken. Auf unsere Nachfrage, ob sie wohl einen der viel gepriesenen Kuchen hätte verneint sie zunächst. Dann aber erinnert sie sich an die Geburtstagstorte ihres Mannes vom Vortag und ruft gleich ihren Bruder an, er solle den Rest vom Kuchen doch gleich vorbeibringen. Norwegen halt...
Als Dankeschön heize ich den Ofen im Gastraum noch einmal kräftig ein, vermutlich brennt er heute noch. Als kleines Highlight legt am frühen Abend auch noch die MS Slogen an, ein mittlerweile sechzig Jahre altes Schiff, das früher mangels Strassen die Dörfer an den Fjorden miteinander verbunden hat und sogar schon als Eisbrecher diente. Mittlerweile ist es als Ausflugsschiff unterwegs und hat unter anderem einen Whirlpool auf dem Deck. Da erwischt man sich schnell beim Träumen von der nächsten Reise nach Norwegen.

Schweinswale im Hørundfjord
Die Fähre nach Trandal fährt nur wenige Male am Tag
Im Restaurant Christian Gaard

Hotel Union Øye
Ein Blick in alte Zeiten

Alles knarzt und quietscht, wenn man die alten Treppen des ehrwürdigen Hotels Union Øye im gleichnamigen Ort betritt.
An dem Tag an dem wir nach der Skitour zum Kvitegga in Øye vorbeikommen ist das Hotel eigentlich noch geschlossen und die Vorbereitungen für die Eröffnung für die neue Saison am kommenden Tag laufen auf Hochtouren. Wir wollen daher schon wieder gehen, aber der Hotelbesitzer bittet uns freundlich herein und sagt wir mögen uns nur umsehen solange wir Lust haben. Jedes Zimmer ist ein Unikum und in einem anderen Farbton gehalten und auch der Rest des Gebäudes ist ein Sammelsurium an Antiquitäten, jedes Detail wirkt sorgfältig ausgesucht. Einziger Wermutstropfen ist, dass wir auf den erhofften und -nach dem bereits langen Tag- heiss ersehnten Kaffee verzichten müssen.

Hier haben schon Könige übernachtet: Das Hotel Union Øye im gleichnamigen Ort

Wohnen auf Norwegisch

Das Holzhaus in dem wir für eine Woche wohnen hat der Besitzer liebevoll restauriert. Angefangen beim Keller bis zu den Wohnräumen, lediglich die Schlafzimmer im Dach sind noch etwas spartanisch eingerichtet. Das Haus liegt gut fünfzig Meter über dem Hjørundfjord in einer kleinen Siedlung und mit atemberaubendem Ausblick über den Fjord zu den gegenüberliegenden Gipfeln der Råna Halbinsel. Wir merken schnell, dass sich der Ausblick am besten mit einem Bier in der Hand aus dem Whirlpool auf der Terrasse geniessen lässt.
Aber auch in der Wohnküche ist es gemütlich. Man fühlt sich ein bisschen wie in einem Showroom im IKEA Möbelhaus, ein gemütliches Durcheinander und doch wirkt jedes Detail irgendwie arrangiert. Ich dirigiere das Kochteam vom hintersten Platz in der Eckbank jeden Abend zu einem neuen kulinarischen Höhepunkt, aber meine Strategie wird bald durchschaut, nachgeahmt und insbesondere von Armin perfektioniert. Die Abende lassen wir bei einem gemütlichen Glas Wein ausklingen, mit vielen alten Geschichten die wir uns schon hundertmal erzählt haben und über die wir immer noch lachen können.


Ålesund

Für den letzten Tag kündigt sich ein Sturm an. Zeit für uns, Ålesund zu erkunden. Die Stadt klammert sich an eine kleine Halbinsel und ist von dem darüber liegenden Felssporn mit Aussichtspunkt gut zu überblicken. Wir stärken uns mit fish and chips, bevor wir uns an den kurzen Aufstieg machen. Der Wind peitscht uns vor sich her und wir sind froh, bald wieder in die Stadt hinunter zu kommen. Bei diesem Wetter ist es kein Wunder dass auf den Strassen nicht wirklich viel los ist. Wir schauen uns noch ein bisschen um und machen uns dann auf den Heimweg. 

Das Meeresaquarium von Ålesund

Die Touren
Zwischen Fjorden und Gletschern

Kolåstinden (1432m)
Zentraler Gipfel der Kolå Halbinsel




Sylvkallen (1310m)
Eckpfeiler am Hjørundfjorden





Auskjeret (1203m)
Kurze Tour im Powder Paradise





Kvitegga Nord (1454m)
Hoch gepokert und gewonnen




Fingeren (1180m)
Kurze Tour bei der Standalhytta






Unterwegs auf Ski

Wir sind am Vorabend spät aus Ålesund eingetroffen und dementsprechend noch etwas müde so früh am Morgen des ersten Tages in Norwegen. Aber die Müdigkeit verfliegt schnell beim Blick aus dem Fenster: Blauer Himmel über dem Hjørundfjorden. Wir fahren Richtung Standalhytta und wollen eigentlich auf den Sylvkallen steigen, aber uns lacht schon von der Passstrasse die Abfahrt vom Kolåstinden an und so entscheiden wir uns um! Die Aussicht über die Kolåhalbinsel vom steilen Gipfel ist fantastisch und die Abfahrt über die weiten Hänge ein Traum, auch wenn wir uns den Gipfel mit einer grossen Skitourengruppe aus Vicenza teilen müssen, übrigens die einzigen Nicht-Norweger, die wir rund um den Hjørundfjorden treffen werden.
Am Abend schlägt das Wetter um, ist aber noch nicht so schlecht, um uns den nächsten Tag in der Hütte zu halten. Also versuchen wir uns am Sylvkallen. Es ist ungemütlich, aber die Sicht ausreichend. Zunächst liegt wenig Schnee, erst im Hochtal wird es etwas besser, allerdings ist die Flanke darüber windverblasen und teilweise mit einem Harschdeckel. Trotz der widrigen Bedingungen ziehen wir den Aufstieg durch und erreichen den Gipfel des Sylvkallen. Oben angekommen, geben die Wolken einen kurzen, aber eindrücklichen Blick auf den Hjørundfjorden frei. Dafür hat sich der Aufstieg gelohnt und auch die Abfahrt ist wieder Erwarten besser als gedacht.
Nach der Tour auf den Sylvkallen hoffen wir weiter vom Meer entfernt auf bessere Schneebedingungen und wir sollen Recht behalten. Mit der Fähre setzen wir von Festøya nach Hundeidvik über. In Velledalen schliesslich verwandelt sich die Strasse in eine Schneefahrbahn. Das Wetter ist unberechenbar. Wir starten bei Sonnenschein kurz danach suchen wir in dichtem Schneetreiben den Weg, bevor wir am Gipfel wieder ein kurzes Schönwetterfenster geniessen können, das in der Abfahrt erneut von heftigem Schneefall abgelöst wird. Beim Auto angekommen lichten sich die Wolken nochmals und geben einen letzten Blick zum Gipfel frei.
Der Wetterbericht für den kommenden Tag sagt ein Schönwetterfenster bis zehn Uhr am Vormittag voraus. Das wollen wir nutzen und machen uns bereits um vier Uhr früh auf den langen Weg zum Kvitegga, der den Eingang des Geirangerfjords markiert. Im südexponierten, steilen unteren Teil der Tour liegt zwar genügend Schnee für den Aufstieg, aber für die Abfahrt reicht er hier nicht aber sobald sich der Hang zurücklehnt steigt die Schneemenge sofort markant an. Im Aufstieg durch den grossen Kessel unterhalb des Gipfels kommen uns die jungen Norweger entgegen, die wir am kommenden Tag an der Fähre nach Trandal wieder treffen werden. Unser Plan geht auf und wir geniessen auch noch den frischen Pulverschnee der letzten Tage in der nordischen Sonne, nun ganz alleine am Berg.
Ganz anders am letzten Tourentag. Erst zu Mittag brechen wir im Schneeregen zum nahegelegenen Fingeren auf. Das Wetter will sich nicht bessern und so wirft uns der Berg kurz vor der Scharte ab. Der Wind peitscht uns Schnee- und Eiskristalle ins Gesicht, die Bodensicht ist gleich null und so wird auch die Abfahrt zu einem mühsamen Anrennen gegen die Elemente.

Abfahrt vom Kolåstinden
Im Aufstieg zum Auskjeret wechselt das Wetter im Minutentakt
Wie die Grossen: Luis-Trenker-Pose auf dem Kvitegga

 fotos 19|03|2019 © sunnmøre-team