Valle Maira

Valle Maira

Es ist Mitte Dezember und in den Bergen liegt kein Schnee. Ein kräftiges Hoch hält den Niederschlag von den zentralen Alpen fern. Im Südwesten aber sorgt ein Tief über den tyrrhenischen Meer für ergiebige Niederschläge, die weit in die Cottischen Alpen übergreifen. Da müssen wir also hin. Einfacher gesagt, denn es ist nicht leicht, für die ersten Tage im neuen Jahr einen Schlafplatz zu finden. Einige Vermieter antworten gar nicht, viele haben noch zu und manche Unterkünfte sind schon ausgebucht. Aber schliesslich finden wir doch eine Ferienwohnung in Prazzo Superiore. Gregorio, unser Vermieter, kommt gleich angefahren. Auf der Einfahrt zum Haus zeigt er uns einen grossen Fussabdruck im Schnee. Wahrscheinlich ein Wolf. Im Winter, wenn die Tiere in den Ställen sind, kommen auch die Wölfe hinunter ins Tal und streifen manchmal durch die Dörfer. Das grosse Ferienhaus ist leer, nur wir sind da. Die Wohnung ist kräftig eingeheizt und gemütlich. Wir machen uns einen Aperitivo mit den Resten vom Silvesteressen und dem Käse, den wir am Nachmittag in Elva auf dem kleinen Weihnachtsmarkt gekauft haben und dann schlagen wir uns mit Pasta die Bäuche voll.
 
 
 
Das Valle Maira ist ein langes Ost-West-Tal, dessen Talschluss von mehreren Dreitausendern gebildet wird. Weiter talauswärts säumen nördlich und südlich unzählige Skihänge das Haupt- und seine Nebentäler. Während sich der Schnee an den Südhängen schnell umwandelt, bleibt der lockere Pulverschnee nordseitig noch lange liegen. Viele Orte liegen auf gut tausendfünfhundert Metern über Meer und sind damit gute Ausgangspunkte für Touren im Schnee. Im Nordwesten, nur von den Gipfeln aus zu sehen, thront der Monviso oder auch Monte Viso, alle andern Berge weit überragend über den Tälern des Piemont.
Unten in die Tälern kommt die Sonne im Winter kaum heraus. Es ist kalt und der Schnee ist mit einer dicken Raureif-Schicht überzogen. 



Cugn da Goria
Skitour hoch über Elva
Noch bevor wir unser Unterkunft beziehen, machen wir eine erste Erkundungs-Skitour. Am Neujahrstag frühmorgens fahren wir also über Mailand und Asti nach Cuneo und hinein ins Valle Maira. Eine enge Strasse führt in Kehren steil hinauf nach Elva, dem Ausgangspunkt zum Cugn da Goria.
Wir starten ein Stück vor dem Dorf bei einem kleinen Weiler. Hier würde die Route ab Elva ohnehin die Strasse queren, also gehen wir von hier los.
Während die Bäume auf den sonnenverwöhnten Hängen rund um Elva bereits mehrheitlich schneefrei sind, liegt dazwischen noch schöner Pulverschnee, der weiter oben, oberhalb der Waldgrenze, da und dort aber schon mit einer leichten Windharschkruste überzogen ist. Der Blick weitet sich, als wir die im Winter stark eingeschneite Passstrasse queren und dann steht im Norden der Monviso eindrücklich vor uns. Am Gipfel stossen wir mit einem Glas Wein aufs neue Jahr an, dann stieben wir durch den Pulverschnee hinunter. Am Ende steil durch den Wald und dann wenige Meter zu Fuss auf einem Fahrweg erreichen wir Elva.
In Elva selbst ist erstaunlich viel los. In der Kirche mit ihren überregional bedeutenden Fresken findet ein Konzert statt, auf dem Dorfplatz decken wir uns auf einem kleinen Markt mit Marmelade und frischem Käse aus der Region ein.

 

Monte Piutas
Im schattigen Chialvetta
Heute soll ein starker Sturm aufziehen, auch wenn unten im Tal am Morgen noch nichts davon zu spüren ist. Das Wetter soll aber wolkenlos bleiben und das heisst für uns, dass wir auf alle Fälle raus müssen. Wor entscheiden uns für eine Tour in einem der südlichen Seitentäler. Der kleine Ort Chialvetta wird unser Ausgangspunkt. Es herrscht bereits reger Skitourenbetrieb auf dem Parkplatz vor dem Ort. Ich unterhalte mich kurz mit einer Gruppe Südtiroler, aber sie sind auch erst am Vortag angekommen und haben keine weiteren Informationen zu den aktuellen Bedingungen. Wir steigen ostwärts durch den lichten Wald in ein Hochtal und dann weiter hinauf in Richtung Monte Piutas. Wir sind alleine unterwegs, nur kurz vor der Scharte oben holen zwei Skitourengeher auf.
Je höher wir kommen, desto stärker weht der Wind. Kurz vor der Scharte müssen wir aufpassen, dass uns die plötzlichen Böen nicht umwerfen. Wir kämpfen dagegen an und erreichen bald die Gipfelkuppe, wo der Wind etwas weniger stürmt.
In der Abfahrt gelangen wir in steilen Wald, den wir in Richtung Aufstiegsspur queren. Immer wieder scheint der Hang fahrbar, aber nachdem wir das Gelände nicht kennen, folgen wir den Spuren in Richtung Aufstiegsroute. Eine gute Entscheidung, wie wir von unten nachher feststellen.
Jetzt, am Nachmittag, liegt auch Chialvetta kurz in der Sonne und wir laufen noch eine Runde durch den kleinen Ort. Irgendwie finden alle das versteckte Restaurant und so treffen wir die Südtiroler wieder. Sie hatten auf ihrer Tour auch mit dem Wind zu kämpfen  und haben es nicht auf den Gipfel geschafft.
Wir machen uns noch einen gemütlichen Abend, dann spazieren wir der Hauptstrasse entlang hinunter nach Prazzo Inferiore. Hier hat eine kleine Pizzeria offen und so müssen wir nicht selber kochen.



Monte Ciarmetta
Auf der Sonnenterrasse des Valle Maira
Wir diskutieren lange, was wir an diesem letzten Tag machen wollen. Der Wind hat seine Arbeit getan. Ganze Bergkämme sind wie leergefegt. Wir entscheiden uns für die Sonnenseite, wohlwissend, dass der Schnee hier sicher nicht mehr gut sein wird.
Wir fahren an Acceglio vorbei hinauf nach Lausetto. Die Strasse ist mit Schneeverwehungen blockiert und nur mit Mühe kommen wir hoch ins Dorf, dann aber haben wir es geschafft. Wir steigen an der Kapelle San Maurizio vorbei die zunächst steilen Almhänge hinauf, wobei wir immer wieder einzelne Weiler passieren.
Die Sonne wärmt die Hänge bereits früh am Morgen, die roten Hagebutten und der Wacholder und der wenige verbliebene Firnschnee geben dem Ambiente einen südlichen Touch und es fühlt sich ein wenig nach einer Frühlingstour an.
Wir steigen höher und kommen zu einer verfallenen Almhütte. Sascha entscheidet sich, hier zu warten und die Sonne zu geniessen, während Anita, Peter und ich zum Gipfel aufsteigen. Oben angekommen, tut sich vor uns der Talkessel des Valle di Traversiera auf mit seinen fast-Dreitausendern Monte Albrage und Monte Bellino. Wir fellen ab und fahren aufgrund des gedeckelten Schnees wie Anfänger hinunter zur Almhütte, wo wir wieder auf Sascha treffen. Ein Glas Wein, dann geht es hinunter nach Lausetto. Eine anstrengende Abfahrt, die unsere Oberschenkel brennen lässt. Viel zu früh müssen wir das Valle Maira wieder verlassen. Gerne wären wir noch ein paar Tage geblieben, in den Schattenhängen hat sich der Pulverschnee sicher noch ein bisschen gehalten.

 
 
Capella di San Salvatore
Auf dem Heimweg wollen wir uns noch die alten Fresken in der Capella di San Salvatore ansehen, eines der ältesten kulturellen Zeugnisse des Valle Maira und praktischerweise direkt an der Hauptstrasse gelegen. Aber wir stehen vor verschlossenen Türen. Eine Tafel erklärt den Zugang via App. Und tatsächlich, nach etwas tippen wollen wir schon aufgeben, zitternd stehen wir in der schattigen, kühlen Luft vor dem Eingang, als die alte Holztür, die von aussen jeden Anschein moderner Technik vermissen lässt, als sich diese Tür also wie von Geisterhand öffnet. In der Kirche schauen wir uns die romanischen und spätgotischen Fresken in der Apsis an. Wir halten uns nicht lange auf, dann machen wir uns an den weiten Rückweg nach Zürich.

 
Fotos  01|2026 © anitaleitmayr | petermense | saschaflemming | michaeldellantonio

Monte Ciarmetta (Sella Est, 2542m)

Im schattigen Chialvetta

Karte L‘ESCURSIONISTA Editore - Valle Maira, Carta Scialpinistica 1:25000

Anfahrt Turin - Cuneo - Valle Maira - Acceglio - Chialvetta

Ausgangspunkt Chialvetta, Parkplatz am Dorfeingang (1470m)

Vom kleinen Parkplatz direkt vor dem Dorf steigen wir links taleinwärts die freien Flächen hoch und dann nochmals links an der Alm Grange Ussiera (1813m) vorbei in das Seitental nach Calancia Piana. In einem Linksbogen gelangen wir in die breite Rinne, die uns -am Schluss kurz aufsteilend- in die Scharte südlich des Gipfels führt. Von hier sind es nur noch wenige Minuten auf die breite Gipfelkuppe des Monte Piutas 2413m).

Abfahrt wie Aufstieg

Gehzeit 21/2 - 3Std. 950hm

 
Fotos 03|01|2026 © anitaleitmayr | petermense | saschaflemming | michaeldellantonio